Diese Übung ist von den sogenannten Morgenseiten aus Julia Camerons Buch Der Weg des Künstlers inspiriert.
Die Grundidee ist einfach: Du setzt dich hin und schreibst für eine bestimmte Zeit auf, was gerade in deinem Bewusstsein auftaucht.
Du brauchst vorher kein Thema und musst nicht wissen, worüber du schreiben möchtest.
Nimm Papier und Stift und setz dir für den Anfang zum Beispiel 10-20 Minuten.
Dann fang einfach an.
Was ist gerade da?
Vielleicht ist da ein Gedanke, ein Gefühl, eine Körperempfindung oder eine Erinnerung. Vielleicht etwas, das dich beschäftigt, etwas, das du gerade siehst oder hörst oder einfach:
Ich habe keine Ahnung, was ich schreiben soll.
Dann schreib genau das.
Es muss kein zusammenhängender Text entstehen. Vielleicht schreibst du nur Satzfetzen oder einzelne Gedanken. Vielleicht springt deine Aufmerksamkeit mitten im Satz schon wieder zu etwas anderem.
Dann spring mit.
Es können Wiederholungen oder einzelne Wörter entstehen. Du musst einen Gedanken nicht festhalten oder zu Ende bringen und keinen zusammenhängenden Text schreiben.
Vielleicht taucht beim Schreiben auch eine kritische Stimme auf:
Das ist langweilig.
Das ergibt keinen Sinn.
Ich wiederhole mich.
Das ist peinlich.
Ich habe keine Lust mehr.
Warum mache ich das überhaupt?
Auch das kannst du einfach aufschreiben. Schreib die Kritik, das Zögern oder den Wunsch aufzuhören einfach mit auf, anstatt erst darauf zu warten, dass sie verschwinden.
Es geht nicht darum, besonders tief, klug oder interessant zu schreiben. Du musst nichts herausfinden oder zu einem Ergebnis kommen. Schreib möglichst das, was tatsächlich auftaucht, und dann das Nächste.
Dabei können Alltagssachen auftauchen, aber genauso Erinnerungen, Wünsche, Bilder, Ideen, Fantasien, Unsinn oder überraschende Verbindungen.
Darin liegt auch die kreative Seite dieser Praxis: Du gibst nicht ständig vor, wo das Schreiben hingehen soll, sondern lässt ein Stück weit zu, dass sich der nächste Gedanke, das nächste Bild oder die nächste Assoziation selbst zeigt.
Regelmäßig schreiben?
Für den Anfang kannst du dir zum Beispiel 10 oder 20 Minuten stellen und für diese Zeit beim Schreiben bleiben.
Gerade nach ein paar Minuten kann der Impuls kommen, dass es reicht, nichts mehr kommt oder du keine Lust mehr hast. Auch damit kannst du weiterschreiben:
Ich habe keine Lust mehr. Mir fällt nichts ein. Ich will aufhören. Jetzt schaue ich aus dem Fenster …
Du musst also nicht erst wieder in die „richtige“ Stimmung kommen.
Julia Cameron empfiehlt die Morgenseiten als tägliche Praxis und schlägt ursprünglich drei handschriftliche Seiten am Morgen vor. Gerade die Regelmäßigkeit ist für sie ein wichtiger Teil der Methode.
Auch ich habe es als sehr wertvoll erlebt, diese Art des Schreibens über eine Zeit täglich zu machen.
Gleichzeitig geht es darum, einen eigenen Zugang dazu zu finden. Du kannst ausprobieren, ob ein solcher regelmäßiger Rahmen auch für dich hilfreich ist. Wenn aus der Praxis vor allem eine weitere Pflicht wird, die Stress oder Selbstkritik erzeugt, kannst du den Rahmen verändern.
Ein eigenes Notizbuch nur für diese Praxis kann hilfreich sein.
Ich empfehle, die Seiten anschließend nicht direkt wieder zu lesen oder auszuwerten.
Leg das Geschriebene erst einmal weg und geh weiter in deinen Tag.
Das hilft, nicht unmittelbar wieder ins Analysieren, Korrigieren oder Bewerten zu kommen. Du schreibst zunächst für den Prozess des Schreibens, nicht für ein Ergebnis, das anschließend überprüft werden muss.
Du kannst über eine Weile ausprobieren, was diese Art zu schreiben für dich bedeutet und welchen Rhythmus du damit finden möchtest.